Die letzten beiden Blog-Posts waren reine Zusammenfassungen der Regelwerke Global Organic Textile Standard (GOTS) und OEKO-TEX Standard 100 (OEKO-TEX). Zugegebenermaßen ist das eine recht trockene Kost. Im Kontrast dazu wird hier folgendes geklärt: Welcher Standard ist für FAIRnähen der richtige? GOTS oder OEKO-TEX?

Um diese Frage beantworten zu können, muss ich mir natürlich überlegen, was ich unter „nachhaltiger Kleidung“ verstehe. Mir geht es dabei um folgende Punkte:

  1. Die Herstellung der Fasern soll die Umwelt so wenig wie möglich belasten.
  2. Ich möchte wissen, dass die Kleidungsstücke keine Schadstoffe enthalten.
  3. Die Menschen, die dafür arbeiten, dass ich schöne Kleidung tragen kann, dürfen ihre Arbeit gerne lieben. Absolute Mindestanforderung: sie sollen durch ihre Arbeit nicht zu Schaden (körperlich wie seelisch) kommen.
  4. Ich trage meine Kleidungsstücke gerne mehrere Jahre intensiv.
  5. Sehr cool wäre es, wenn ich in Zukunft meine zerschlissene Kleidung in der Bio-Tonne entsorgen könnte, weil sie komplett biologisch abbaubar ist.

Nachdem die Anforderungen nun stehen, gucken wir doch mal, welcher Standard besser für FAIRnähen geeignet ist. GOTS oder OEKO-TEX?

Welche Anforderungen stellen GOTS und OEKO-TEX an die Herstellung der Fasern?

Schon der Name „Global ORGANIC Textile Standard“ beschreibt, dass die zertifizierten Textilien vorrangig aus biologischer Herstellung sind. Und so verwundert es nicht, dass mindestens 70% der Fasern aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA) oder kontrolliert biologischer Tierhaltung (kbT) sein müssen. Trägt das Siegel den Zusatz „kbA“, „kbT“ bzw. „organic“, so enthält das Endprodukt zwischen 95% und 100% Fasern aus kbA und/oder kbT.

OEKO-TEX hingegen ist es egal, ob die Fasern nachhaltig oder konventionell hergestellt werden. Nur wenn das Siegel den Zusatz „Bio-Baumwolle“ trägt, stammt die Baumwolle aus zertifiziertem Anbau und enthält keine gentechnisch veränderten Fasern.

Wie wird mit der Verwendung von Schadstoffen umgegangen?

Der GOTS verbietet die Verwendung von etlichen Stoffen, die negative Folgen für Gesundheit und Umwelt haben. Welche das genau sind, erfährst du hier. Die Einhaltung der Vorgaben wird über regelmäßige Laborprüfungen sichergestellt. Zusätzlich können im Rahmen des jährlichen Audits noch Proben zur Überprüfung genommen werden.

Der Standard 100 von OEKO-TEX definiert fast ausschließlich Obergrenzen für etliche Schadstoffe. Die Grenzen werden aus gesetzlichen Vorgaben und wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeleitet. Welche Stoffgruppen abgedeckt sind, kannst du hier nachlesen. Die Zertifizierung und die jährliche Überprüfung bestehen hauptsächlich aus der labortechnischen Untersuchung auf die Schadstoffe.

Schützen GOTS und OEKO-TEX die Menschen, die in den von ihnen zertifizierten Betrieben arbeiten?

Der GOTS besteht auf die Einhaltung verschiedener Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). So sind z.B. Kinderarbeit und Zwangsarbeit verboten und die Arbeitsbedingungen müssen menschenwürdig sein. Die vollständige Liste der Regeln kannst du in diesem Post nachlesen.

Der Standard von OEKO-TEX enthält keine Regelungen zu diesem Thema.

Stellen die Regeln sicher, dass langlebige Produkte entstehen?

GOTS-zertifizierte Produkte sind reib-, schweiß-, licht- und farbecht. Außerdem laufen sie nur wenig ein.

Die Kriterien des GOTS werden so oder so ähnlich auch von OEKO-TEX zertifizierten Produkten erfüllt. Zusätzlich sind die Produkte der Baby-Stufe noch auf Speichelbeständigkeit geprüft.

Und wie steht es um die Kompostierbarkeit?

Nur bei 100% Baumwolle oder Wolle sind nach dem GOTS zertifizierte Kleidungsstücke vollständig kompostierbar. Das ist leider nur ein schwacher Trost, da die meisten Jerseys, die ich bisher gefunden habe, 5% Elastan enthalten.

Für OEKO-TEX Produkte gibt in diesem Punkt das gleiche.

Bei Rapantinchen habe ich erfahren, dass es noch einen neuen Standard gibt. Der IVN Best fordert, dass ein Produkt am Ende seines Lebens biologisch abgebaut werden kann. Wenn du dir dazu noch eine detailliertere Zusammenfassung wünschst, lass es mich in den Kommentaren oder über das Kontaktformular wissen.

Bonus: Wie unterscheiden sich die Webauftritte von GOTS und OEKO-TEX?

Auch wenn diese Fragestellung für die Entscheidung, welches Siegel die Stoffe meiner zukünftigen Nähprojekte tragen sollen, nicht entscheidend ist, so möchte ich die gemachte Beobachtung an dieser Stelle doch teilen. Verschaff dir kurz einen eigenen ersten Eindruck:

Wenn du so ähnlich gestrickt bist wie ich, dann denkst du jetzt vermutlich, dass die GOTS Seite altbacken und unübersichtlich ist. Besonders in dem krassen Kontrast zur OEKO-TEX Seite. Das ändert sich auf den zweiten Blick auch nicht.

Die Startseite vom GOTS fungiert als Informationscockpit. Von hier aus kann der Besucher einfach zu jeder gewünschten Information navigieren. Die Daten folgen einem logischen Aufbau.

Die gesamte Seite des OEKO-TEX ist eine einzige Werbetrommel und bewirbt sehr marktschreierisch die Vorteile einer Zertifizierung. Also nur für die Unternehmen, die sich zertifizieren lassen, und somit Geld einbringen. Als Endverbraucher, der sich bloß informieren wollte, fühlte ich mich unwillkommen. Die Informationen, die mich interessierten, waren fast ausschließlich in dem PDF mit dem Original-Standard-Text zu finden. Und wo ich das gefunden habe, weiß ich schon nicht mehr.

Als digitales Aushängeschild vermittelt die Webseite des GOTS mir das Gefühl, dass hier ganzheitlich gedacht wird. Es werden alle Stakeholder berücksichtigt. Und so traue ich ihm eher zu, das Wohl der ganzen Welt im Blick zu haben. OEKO-TEX kümmert sich hingegen nur um sein eigenes Wohl. Also zumindest vermittelt die Website diesen Eindruck.

Fazit

Ich werde bei allen zukünftigen Stoffkäufen darauf achten, dass die Stoffe GOTS-zertifiziert sind, da dies der Standard ist, der 4 von 5 meiner Kriterien an nachhaltige Kleidung erfüllt. OEKO-TEX hingegen erfüllt davon nur 2. Außerdem hat Anja von Rapantinchen recht, wenn sie schreibt, dass jedes Kleidungsstück, dass ein paar Mal gewaschen wurde, den Anforderungen von OEKO-TEX genügt.

Aber jetze erzähl du doch mal: Welche Anforderungen hast du an nachhaltige Kleidung? Schreib’s mir in die Kommentare, damit ich meinen Horizont erweitern kann!

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